Tschüß Schnuller

28.07.2010 | Münster
LWL-Kulturwissenschaftler beobachten neues Übergangsritual

Zuerst gab es ihn wohl in Dänemark, das erste deutsche Exemplar wuchs in Münster. Von hier aus verbreitet er sich langsam in Deutschland, der Schnullerbaum. Er soll den Eltern dabei helfen, ihren Sprößlingen den heißgeliebten Schnuller abzugewöhnen: Wenn die Kleinkinder ihren Nucki ausrangieren und an den Schnullerbaum hängen, bekommen sie als Belohnung ein kleines Geschenk. Die Volkskundler beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) beobachten diesen jungen Brauch. Sie suchen weitere Schnullerbäume, Schnullerbaumfotos und Berichte rund um das Schnullerbaum-Ritual.

"Der Schnullerbaum ist ein typisches Übergangsritual. Solche Rituale erleichtern den Wechsel in einen neuen Lebensabschnitt oder in einen neuen sozialen Status", so die LWL-Kulturwissenschaftlerin Katrin Bauer. "Mit der Abgabe des Schnullers wird das Kleinkind zum Kind. Die öffentliche Umrahmung unterstreicht die Wichtigkeit des Ereignisses", so Bauer weiter.

Wolfram Goldbeck vom Amt für Grünflächen und Umweltschutz in Münster berichtete zwei Mitarbeiterinnen der Volkskundlichen Kommission, dass vor sechs Jahren eine Bürgerin auf die Mitarbeiter des Amtes zugetreten sei, die gerade aus Kopenhagen kam und dort diesen Brauch gesehen hatte. Sie wollte wissen, ob das in Münster auch möglich sei. Goldbeck: "Wir mussten kurz schmunzeln und dann fanden wir das total charmant." Ein Ahorn auf dem vielgenutzten Spielplatz am Coerdeplatz wurde vom Amt auserkoren, als Schnullerbaum zu fungieren. Seit 2005 können nun die meist zwei- bis dreijährigen Knirpse mit ihren Eltern ihren Schnuller - oder auch gleich mehrere auf einmal - in das Geäst des Baumes hängen und sich so symbolisch vom liebgewordenen Gefährten verabschieden. Ein Schild erklärt den neuen Brauch und weist Eltern daraufhin, dass dieser Baum "beschnullert" werden darf.

Eine Besonderheit hat sich das Grünflächenamt noch zusätzlich einfallen lassen: An jedem ersten Mittwoch des Monats von Mai bis Oktober können die Kinder, die sich trauen, mit einem Hubsteiger am Baum hochfahren und ihre Schnuller hoch oben in der Krone befes-tigen. Mitunter landet nicht nur der Nuckel im Baum, sondern dazu auch ein selbstgemaltes Bild, ein Namensschildchen des Kindes mit dem Datum oder auch ein Foto, wie Katrin Bauer von der Volkskundlichen Kommission beobachtet hat. Eine Mutter vermutet, dass durch das öffentliche Zelebrieren des Schnullerabschiedes ein gewisser positiver Druck bei ihrem Sohn ausgelöst würde: "Dass er einfach sieht, andere machen das auch, das muss so sein, das gehört ab einem gewissen Alter dazu."

Die versprochenen "Ausgleichsgeschenke", die die Kinder hinterher von den Eltern bekommen, sind meist kleinerer Natur, wie eine Trillerpfeife oder ein Schnuffeltuch, aber es kann auch durchaus ein Fahrrad dabei herausspringen. Meist wissen die Mädchen und Jungen, dass ein Geschenk auf sie wartet, wenn sie sich von ihrem Schnuller getrennt haben. Aber ein Vater erzählte den LWL-Volkskundlerinnen, dass sein Sohn vorher nichts geahnt hätte: "Er wusste nicht, dass er etwas kriegt. Es war für ihn also kein Geschäft, sondern er hat ein kleines Ausgleichsgeschenk als Belohnung dafür bekommen, dass er sich getraut hat." Oft wird anschließend noch im Familienkreis ein bisschen gefeiert, ein Vater erzählte, dass er sich sogar den Nachmittag dafür freigenommen habe.

"Wir würden uns freuen, wenn wir Fotos oder Berichte von einer Schnullerabschiedsfeier bekommen könnten oder wenn uns jemand Schnullerbäume außerhalb von Münster nennen kann, die wir noch nicht kennen", hofft Katrin Bauer auf Hilfe bei ihren Forschungen.

Wer Katrin Bauer unterstützen möchte, erreicht sie unter katrin.bauer@lwl.org oder 0251 83-24406

Quelle: Pressemeldung Landschaftsverband Westfalen-Lippe

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